Raabeblog: Das schwarze Loch – Kurzgeschichte

Der sechzehnjährige Alexander Watson verabscheut Weihnachten und den dazugehörigen Trubel. Doch eines kalten Dezembertages entdeckt er etwas Ungewöhnliches in einem gewöhnlichen Kaufhaus…

Ich hasste Weihnachten.
Ich hatte es schon immer gehasst. Selbst als ich sechs Jahre alt war und meine Freunde vor Aufregung kaum schlafen konnten, blieb ich ganz gelassen. Ich wette, meine Mom hatte irgendwann in ihrer Mutterzeit mindestens einmal überlegt, mit mir deswegen zum Psychiater zu gehen.
Sie hatte es letztendlich nicht getan.
Ich sah mich angewidert um. Die Menschen hingen Lichterketten in ihre Vorgärten und Zimmer, als ob die Deckenlampe nicht genug Licht spenden würde. Sie backten Lebkuchen und Plätzchen und tranken Glühwein. Die Leute aßen Süßes ohne Ende und holten jeden Tag ein Stück Schokolade aus ihrem Adventskalender – Völlig überflüssig, um diese vierundzwanzig Tage so einen Wirbel zu machen.
Hier stand ich nun also, umgeben von Geschenke kaufenden, Mandeln essenden und Mützen tragenden Menschen, in der meistbefahrensten Straße unserer Stadt. Ich wusste in diesem Moment selbst nicht mehr, wieso ich hier war.
Ach ja, ein Weihnachtsgeschenk für meine Freundin kaufen. Überflüssig, aber ich hatte es ihr versprochen, weil es ihr wichtig war, sich der Mehrheit anzupassen und einander etwas zu schenken. Wenn man seit eineinhalb Jahren zusammen war, erwarteten die Menschen so etwas nun mal.
Meine Augen taten vom grellen Licht eines vollbeleuchteten Schaufensters beinahe weh, doch ich marschierte zielstrebig in den erstbesten Laden. Hier gab es so ziemlich alles und da ich mich nicht unnötig lange dort aufhalten wollte, wählte ich einen Roman und eine Teemischung. Nicht gerade originell, aber es würde seinen Zweck hoffentlich erfüllen.
Ich wollte mich gerade in die ellenlange Schlange an der Kasse anstellen und mich dann endlich aus dem Staub machen, da entdeckte ich etwas. Es war versteckt und nicht sehr auffällig, und sicher hatten es die meisten übersehen. Ich trat einen Schritt näher. Hinter einem der bordeauxroten Samtvorhänge an der Wand neben dem Schaufenster, lugte etwas hervor. Es war nicht gut zu erkennen, deshalb schob ich den Vorhang ein kleines Stück beiseite. Was ich jetzt sah, war einfach unglaublich. Vor mir in der Wand befand sich ein rundes, silberschimmerndes Loch mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern. Hatte das etwa niemand bis jetzt bemerkt? Das Loch war schwarz in der Mitte, tiefschwarz. Ich hätte nicht sagen können, ob es aufgemalt war oder lebendig. Unsicher sah ich mich um. Niemand beachtete mich. Ich zog den Vorhang ganz zur Seite, sodass man das Loch vollständig hätte sehen müssen, doch es war auf einmal verschwunden.
Die Wand war kalkweiß, als wäre nie etwas geschehen.
Erstaunt ließ ich den Vorhang zurückfallen. So etwas Merkwürdiges hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ich wollte gerade kehrtmachen und bezahlen, da sah ich wieder das Silber des Loches aufblitzen. Ja, es war wieder da. Offenbar hatte es eine Art Selbstschutzmechanismus, sodass es verschwand, wenn man es hätte sehen können.
Doch ich konnte es sehen, durfte es sehen. In Zeitlupe bewegte ich meinen ausgestreckten Zeigefinger auf das Loch zu und berührte es schließlich. Es vibrierte, es pulsierte beinahe. Ich wollte es loslassen, doch mein Finger war wie festgewachsen. Warum sah mich denn niemand?
Plötzlich begann sich alles zu drehen. Unten war oben, links war rechts und vorne war hinten – Und ich war weg.

Als ich die Augen aufschlug, sah ich Baumkronen über mir. Silbrige, hauchzarte Blätter wirbelten aus ihnen gen Boden. Von irgendwoher wurde das Klimpern von Windspielen zu mir getragen. Die Luft war kühl und als ich ausatmete konnte ich meinen Atem sehen. Wo war ich? Mühsam richtete ich mich auf.
„Hallo, Alexander!“, ertönte eine zarte Stimme, die dennoch dominant war. Ich sah mich um. Wer war das? Um mich herum war doch keine einzige Person zu sehen? „Ich bin hier.“
Und tatsächlich – Hinter einem Baum mit weißer Rinde kam eine Hexe hervor. Zumindest vermutete ich, dass es eine war. Sie trug ein schwarzsilbernes bodenlanges Kleid, das in allen dunklen Farbrichtungen, die man sich nur vorstellen konnte, schimmerte. Als sie auf mich zukam, war es, als schwebte sie über der Erde. Anmutig glitt sie über den von silbergrauen Blättern bedeckten Boden. Ihr Haar war weiß, aber trotzdem strahlte sie eine Jugendlichkeit aus, wie man sie nur schwer beschreiben konnte.
„Wo bin ich?“, fragte ich und kam mir dabei ziemlich dumm vor. Das alles ist doch nicht real! Eben war ich noch einem Geschäft gewesen. In diesem Moment fiel mir auch auf, dass ich noch meine Geschenke, den Roman und die Teemischung, in der Hand hielt.
„Du bist in Tarasia, der Unterwelt, in der wir Hexen und Zauberer leben – Willkommen!“

 

Sarah Jürges