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Lyrik aktuell

Dass Gedichte zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden, kommt nicht oft vor. Doch nun hat ein Text, der aus nur vier verschiedenen Substantiven besteht, die in ihrer Anordnung variiert werden, es in die Nachrichten geschafft: Das Gedicht „avenidas“ des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer steht auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin – noch.

(Foto. Übersetzung: „alleen / alleen und blumen / blumen / blumen und frauen / alleen / alleen und Frauen / alleen und blumen und frauen und / ein bewunderer“)

Der Studierendenausschuss hat erwirkt, dass das Gedicht im Herbst 2018 übermalt und durch einen anderen Text ersetzt wird. Grund: Der Text sei sexistisch und setze Frauen zum Objekt herab. Der Deutschkurs DE1 von Herrn Toepfer liest gerade Gedichte über Stadterfahrungen. Da kam „avenidas“ gerade recht! Was meinen die Schülerinnen und Schüler des Deutschkurses? Wir veröffentlichen hier einen Kommentar zur Debatte sowie zwei Parallelgedichte. (Tp)

 

Kommentar zur Debatte um „Avenidas“

Wer Gomringers „Avenidas“ liest, dürfte schnell feststellen, dass es sich um keinen eindeutig frauenfeindlichen Text handelt, sondern um ein hochgradig interpretationsoffenes Werk, welches – zugegebenermaßen – aus der Feder eines Mannes stammt. Doch ist es deswegen direkt sexistisch und ist es gerechtfertigt, es mit sexueller Belästigung zu assoziieren?

Meine Antwort: Nein. Zuständig für die Entfernung dieses Produkts der Kunst- und Meinungsfreiheit ist der Studentenausschuss der Alice-Salomon-Hochschule mit der Argumentation, das Gedicht sei Teil des patriarchischen Rollenmodells und erinnere an sexuelle Belästigung. Abgesehen davon, dass diese Aussagen eine lächerliche Begründung zur Rechtfertigung der entstandenen Debatte sind, kommt eine viel grundlegendere Frage auf:

Ab wann darf die Interpretationsfreiheit die Kunstfreiheit überwiegen und zur Zensur von Kunstwerken führen? Denn das ist genau, was passiert: Die Beteiligten sind in ihrer privilegierten Lebenslage so sensibilisiert, dass sie, in jedem Text, in dem das Wort „Frau“ auch nur vorkommt, einen sexuellen Übergriff vermuten und es deshalb vorziehen, die Kunst- und Meinungsfreiheit als gesellschaftlich-demokratisches Grundrecht zusammen mit Gomringers Werk zu entfernen.

Mit der heuchlerischen Bekräftigung, die Übermalung sei ein Schritt gegen die Unterdrückung von Frauen, stellen die Studenten selbst gekonnt ihre Doppelmoral zur Schau: Gegen den Sexismus mit Unterdrückung der Vielfältigkeit und Zensur, um ein harmloses Gedicht und seinen Verfasser in den Dreck zu ziehen.

In einer Welt, die zu großen Teilen immer noch von Sexismus und Unterdrückung gepeinigt wird, stellt sich die Frage, warum diese Möchtegern-Engagierten in ein friedliches, argloses Gedicht einen tieferen Sinn herein interpretieren, welcher gar nicht vorhanden ist, und ihren bemerkenswerten Einsatz nicht in die wirklich wichtigen, bestehenden Probleme stecken.

Stattdessen werden die Gedanken eines Autors, der seine Bewunderung und die Schönheit von Frauen anpreist und sich in keinster Weise angreifend oder beleidigend gegenüber Frauen äußert – wie denn auch, bei einem Gedicht mit fünf verschiedenen Wörtern – in ein völlig falsches Licht gerückt.

„Sie können sich nicht mit dem Gedicht identifizieren“ – wäre es bei dieser Begründung geblieben, wäre die Entscheidung, alle fünf Jahre ein neues Gedicht anzubringen, legitim gewesen. Dies war jedoch nicht der Fall.  Dass sich die Mehrheit der Studenten nach eingehenden Diskussionen dabei letztendlich für die Auslöschung des Werkes ausgesprochen hat, ist nun umso erschreckender.

Von Willkür und Arglosigkeit kann also nicht die Rede sein. Von Ignoranz und Unlehrbarkeit schon.

Belana Knoßalla

 

„Avenidas“ – Parallelgedichte

 

medios

medios y sexismo

 

sexismo

sexismo y mujeres

 

medios

medios y mujeres

 

medios y sexismo y mujeres y

mucha critica

 

Rosa Bastian

 

(Übersetzung: Medien / Medien und Sexismus // Sexismus / Sexismus und Frauen // Medien / Medien und Frauen // Medien und Sexismus und Frauen und / Viel Kritik)

 

 

Jungs und Mädchen

 

 

Jungs und Mädchen

Jungs und Mädchen und Eltern

 

Jungs

Jungs und Autos

 

Mädchen

Mädchen und Puppen

 

Mädchen und Autos (?)

Jungs und Puppen (?)

 

Mädchen und Puppen, Jungs und Autos

… und stolze Erzieher

 

Kasper Kedziora