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Die Zukunft gestalten – nachhaltige Entwicklung konkret!

So lautet das Thema eines der fünf Kurse, die als Seminarfach gerade im 11. Jahrgang angeboten werden. Nachdem die Schülerinnen und Schüler nach einigen Anstrengungen ihre Facharbeit glücklich abgegeben hatten, sollte etwas Abwechslung her, etwas Praktisches. Und so schlug der Kursleiter Sebastian Toepfer vor, einen Stadtrundgang vorzubereiten. Der Plan: Wir gehen durch Braunschweig und laufen bestimmte Geschäfte an. Vor Ort informieren wir uns gegenseitig über die Hintergründe der Produktion von Waren und Dienstleistungen, die dort verkauft werden – und das möglichst unterhaltsam, praxisbezogen, kurzweilig. Nach ersten Unsicherheiten – „Darf man das überhaupt?“ – begannen sogleich die Vorbereitungen. Gerne nehmen wir im Folgenden die Leserin, den Leser mit auf unseren kleinen Rundgang.

STATION 1: Media Markt
Elektronik. Vorbereitet von Alexander, Helge, Luca, Nico.
Mediamarkt nimmt kaputte Elektrogeräte kostenlos an und versichert, für fachgerechte Entsorgung und Recycling zu sorgen. Doch wieso Technik recyceln? Aus alterTechnik können seltene Metalle wiedergewonnen werden. Eine Tonne alter Handys bringt etwa 250 Gramm Gold. Eine Tonne Erzgestein einer Goldmine kommt dagegendurchschnittlich auf nur 5 Gramm Gold. Das Gold aus allen nicht benutzten Handys in Deutschland würde einem Marktwert von 75 Millionen Euro entsprechen.
Doch oft wird der Elektroschrott exportiert, etwain afrikanische Länder, da dies billiger ist als die richtige Entsorgung. In vielen Ländern des Südens findet man deshalb großflächige Müllhalden für Elektroschrott. Der westafrikanische Staat Ghana importiert beispielsweise jährlich ca. 150.000 Tonnen Elektroschrott, welcher z.B. auf dem Schrottplatz Agbogbloshie in der Hauptstadt Accra landet. Diese Flächen voller giftigen Elektronikmülls zerstören zum einen die dortige Flora und Fauna. Zum anderen atmen die Bewohner giftige Dämpfe ein. Diese entstehen dadurch, dass Jugendlichen die Elektronik verbrennen, um an die Metalle zu kommen und sie beim Schrotthändler zu verkaufen. Diese Dämpfe führen häufig zu Krebs. Um dies zu verhindern, sollte jeder seine Elektroartikel so lange wie möglich verwenden, sie als second hand-Ware weitergeben oder eben fachgerecht recyceln lassen.

 

STATION 2: McDonalds
Fleisch. Vorbereitet von Christian, Eren, Lukas, Marcel.
Viele von uns essen täglich Fleisch, oft auch mehrmals am Tag. Vielen ist aber dabei nicht klar, wie aufwendig die Herstellung von Fleisch ist – und wie viele Ressourcen nötig sind, um Tiere bis zur Schlachtreife zu mästen. Statistisch gesehen ist jeder Bundesbürger 60 Kilogramm Fleisch im Jahr und rund 1.000 Tiere verschiedener Größe im Laufe seines Lebens. Die Tendenz beim Fleischverzehr in Deutschland ist dabei leicht rückläufig.
Was man auf dem Teller aber nicht sieht: In einem Kilogramm Rindfleisch stecken 8-9 Kilogramm Futtermittel. Rund 16.000 Liter Wasser waren nötig, um dieses Rindfleisch zu erzeugen. Ca. 34 Kilogramm CO2-Emmissionen wurden dabei freigesetzt; diese Menge fällt auch an, wenn man mit dem Auto 250 Kilometer zurücklegt. Die Futtermittelproduktion für die Tiermast nimmt mittlerweile 60% der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche ein. Man geht davon aus, dass 18% aller Treibhausgase auf die Fleischerzeugung zurückzuführen sind, das wäre mehr, als der weltweite Verkehr ausmacht.

 

STATION 3: Buchhandlung Graff
Papier. Vorbereitet von Gesa, Paula, Daniel, Tessa, Linda
Der durchschnittliche Papierverbrauch in Deutschland pro Person und Jahr liegt bei unglaublichen 250 Kilogramm. Davon entfallen ca. 10% oder 30 Kilogramm auf Werbeflyer. Weltweit liegt der Papierkonsum nur etwa bei 60 Kilogramm pro Jahr. Für die Produktion von Papier werden zum Beispiel in Kanada oder in Indonesien sehr große Waldflächen gerodet. Für Kanada geht man von einer Fläche von 1 Mio. Hektar pro Jahr aus. Papierfasern könnten 6 bis 7 Mal wiederverwendet werden, durchlaufen jedoch den Recyclingprozess nur 1 oder 2 Mal. Das bedeutet, dass viel mehr Papier recycelt werden könnte, als es bisher der Fall ist. Auch die Nachfrage nach Produkten aus Altpapier ist relativ gering: Von jährlich 200 Millionen verkauften Schulheften in Deutschland sind nur etwa fünf Prozent aus Recyclingpapier hergestellt

 

STATION 4: Starbucks
Kaffee. Vorbereitet von Benedikt, Dominik, Lars, Samira.
Jeder Deutsche trinkt täglich durchschnittlich vier Tassen Kaffee. Es ist das beliebteste Getränk hierzulande. Die Kaffeebohnen wachsen jedoch nur in den Tropen. In den Anbauländern wie Brasilien, Vietnam, Indonesien oder Kolumbien herrschen vielerorts schlechte Arbeitsbedingungen. Die Plantagenarbeiter sind oft nicht ausreichend gegen die Pestizide geschützt, die sie ausbringen müssen. Vielfach arbeiten auch Kinder auf den Plantagen, dies ist etwa für Kenia belegt. Von dem Preis, zu dem der Kaffee in den Supermärkten verkauft wird, landen nur etwa 3% bei den Menschen, die den Kaffeeanbau betreiben. Den restlichen Erlös erwirtschaften die Plantagenbesitzer, Zwischenhändler, Röstereien und der Einzelhandel. Auch Steuern und Zölle machen einen großen Teil des Preises aus.
Wer viel Wert darauf legt, dass Kaffee ökologisch und sozialverträglich produziert wird, kann auf Gütesiegel achten. Zum Beispiel gibt es das Fairtrade-Siegel der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO). Dieser Kaffee soll so hergestellt sein, dass die Kleinbauern und Arbeiter in den Herkunftsländern gerecht entlohnt werden und stabile Preise erhalten. Wer das Geschäftsgebahren großer Handelsketten kritisch sieht, kann in Braunschweig zum Beispiel auch im Kiwi-Kaffeehaus in der Friedrich-Wilhelm-Straße einen neuseeländischen Kaffee trinken oder aber in der Kaffeezeremonie am Magnitor einen direkt aus Äthiopien.

 

STATION 5: Chocolata
Kakao. Vorbereitet von Niklas, Omar, Soltan.
Die Kakaobohnen, aus denen unsere Schokolade hergestellt wird, kommen größtenteils aus Westafrika, vor allem aus der Elfenbeinküste und Ghana. Wie schon beim Kaffee ist auch bei der Kakao-Ernte die Kinderarbeit sehr weit verbreitet. Teilweise kommt es hier sogar zu grenzüberschreitendem Handel mit Kindersklaven. Was dabei besonders bedrückend ist: Viele der jungen Arbeiter auf den Plantagen kennen das Endprodukt gar nicht, haben noch nie eine Schokolade gegessen. Aber es gibt auch hier Fairtrade-Schokolade, die man in jedem gut sortierten Supermarkt kaufen kann. Sie ist aber teurer als das konventionelle Produkt. Vor Ort haben wir eine „Blindverkostung“ zweier Schokoladensorten unternommen. Das Ergebnis: Die meisten konnten herausschmecken, welche die Fairtrade-Schokolade war. Sie schmeckte etwas intensiver und war nicht ganz so süß wie die gewöhnliche.

Nachhaltige Stadtrundgänge gibt es in vielen deutschen Großstädten. In Braunschweig gab es bisher noch keinen. Das hat sich nun geändert: Die Schülerinnen und Schüler des Kurses Se1 haben bewiesen, dass es sich lohnt, die eigene Stadt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Waren, die in den Schaufenstern liegen oder auf dem Tablett serviert werden, haben eine Geschichte. Den Blick auf diese unsichtbare Welt hinter den Produkten zu richten ist für den aufgeklärten Konsumenten im Grunde eine Pflicht.

Die Schülerinnen und Schüler des Kurses Se1 und Sebastian Toepfer